Literarischer Stil und Subjektivität

Die Entwicklung der Literatur ist nicht nur durch eine Erweiterung der Formen und Sujets, sondern auch durch eine fortschreitende Individualisierung der Darstellung gekennzeichnet. Wurden am Anfang der mündlichen Überlieferungen nur Geschehen und Personen abgebildet, so verband sich damit bald schon die Wertung des Erzählten. Die Autoren traten dabei noch nicht selbst mit ihrer eigenen Meinung hervor, sondern ließen anerkannte Symbole sprechen und setzten sie zueinander in Beziehung. Dadurch entstanden Konflikte, die von diesen Mächten selbst ausgetragen wurden. Der Mensch erschien nur als Spielball dieser Verhältnisse. Die bedeutendste Ausprägung dieses literarischen Stils erfolgte in der Antike in den Werken von Homer und dem griechischen Theater.

Der Übergang zum Monotheismus stellte das Schicksal des Menschen unter die Macht eines Gottes. Erst mit der Renaissance setzte die Individualisierung der Gestaltung auch in der Literatur ein. Die Helden und Typen der Vergangenheit formten sich langsam zu Personen, die das Widersprüchliche der Welt als Handelnde im eigenen Denken, nicht mehr als Vollstrecker eines überirdischen Plans, vollzogen. Das Paradebeispiel dafür ist die Gestalt des Dr. Faustus, die erst als gruselige Erzählung, dann in der klassischen Bearbeitung durch Johann Wolfgang von Goethe sich sogar selbst mit den überirdischen Mächten „anlegte“.

Die Epoche des Sturm und Drang hatte bereits ein hohes Maß an Emotionalität in die Literatur getragen, die in der Romantik zum Höhepunkt kam. Die Verinnerlichung der Romantik war der Ausgangspunkt, die Subjektivität des Autors in die Gestaltung literarischer Stoffe einzubringen. Wurde der literarische Stil noch bis in das 18.Jarhhundert durch abstrakte Formeln definiert, so übernahm dies jetzt die Subjektivität des Künstlers. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit dem anwachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein und der Unterteilung in immer mehr soziale Gruppen. Je individueller der Lebensstil wurde, desto subjektiver wurde die Literatur. Einen Höhepunkt schuf Franz Kafka im frühen 20. Jahrhundert. Die Überhöhung der subjektiven Wahrnehmung als Auslegung wahren Geschehens durch Kafka ist bis heute der Maßstab in der Literaturgeschichte für das Verhältnis von literarischem Stil und Subjektivität.

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